Anja Rosmus, geboren in Passau, zwei Kinder (8 und 11 Jahre alt), geschieden. Studium der Kunsterziehung und Soziologie. 1980: 3. Preis im Aufsatzwettbewerb; 1984: Geschwister-Schollpreis der Stadt München; 1987: Verleihung der Totenmaske Tucholskys; 1992: Auszeichnung der "Holocaust Survivors"
1994 wird Anja Rosmus mit ihren Kindern nach Boston gehen und dort ihre Doktorarbeit über "die Geschichte der Juden in Passau" schreiben. Ob sie je wieder nach Deutschland zurückkehrt, weiß sie noch nicht. Nach Passau aber auf keinen Fall.
Ihr neues Buch "Wintergrün - Verdrängte Morde" beschäftigt sich unter anderem mit Verbrechen, die an russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinnen begangen wurden. So erwähnt sie zum Beipiel den Frauenarzt Clarenz, der schon lebensfähige Kinder von Zwangsarbeiterinnen teilweise ohne Narkose abgetrieben haben soll. Die Familie des Arztes hat geklagt und in der 1. Instanz gewonnen. Anja Rosmus geht in die Revision. "Der Buchtitel 'Wintergrün' ist mit bitterer Ironie ausgewählt worden, denn Wintergrün war die billigste Art der Grabpflege für die Gräber, in denen die unzähligen Opfer (...) derjenigen liegen, die nach Anordnung der Aliierten nun diese Gräber pflegen müssen. (...) Es ist ein notwendiges Buch, das Tabus verletzt, uns aufrüttelt und gegen das allgemeine Vergessen ankämpft. (...) Die Jugend muß erfahren, daß Sozialegoismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtslastigkeit zu Katastrophen führten. Bücher wie dieses müßten zur Schullektüre gehören." (aus dem Vorwort zu "Wintergrün" von Ignatz Bubis) Anna Rosmus: "Wintergrün - Verdrängte Morde", Labhard Verlag, Konstanz, 34,80 DM


Heinrich Himmler (geb. 1900, Selbstmord 1945), 1925-45 "Reichsführer SS", seit 1934 Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), baute die Konzentrationslager zu einem Terrorinstrument des nationalsozialisten Staates aus; entscheidender Organisator des Völkermordes an den Juden; Begründer der Waffen-SS, 1943-45 Reichs-Innenminister, 1944-45 Befehlshaber des Heimatheeres.
Julius Streicher (geb. 1885, hingerichtet 1946), 1925-40 Gauleiter der NSDAP in Franken; trat als einer der bedenkenlosesten Antisemiten hervor.
Ernst Kaltenbrunner (geb. 1903, hingerichtet 1946), seit 1937 in österreich Führer der SS; nach dem Anschluß 1938 Staatssekretär für öffentliche Sicherheit; 1943 Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes sowie des Reichssicherheitshauptamtes; hatte maßgeblichen Anteil an den Verbrechen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, besonders an den Juden.
Zivilcourage ist bei uns unerwünscht
Interview mit der Passauer Faschismusforscherin Anja Rosmus


Anna Elisabeth Rosmus (33), genannt Anja, ehemalige Klosterschülerin, gewann 1980 den 3. Preis beim Europäischen Aufsatzwettbewerb zum Thema "Alltag im Dritten Reich" Die Recherchen in ihrer Heimatstadt Passau deckten u.a. die Nazi-Vergangenheit "ehrenwerter" Bürger im Dritten Reich auf. International geehrt, gilt sie vielen in Passau allerdings als "Nestbeschmutzerin". Ihre Lebensgeschichte diente Michael Verhoeven 1990 als Vorbild für seinen Film "Das schreckliche Mädchen".

Anja Rosmus: Ich hatte in meiner Schulzeit nichts über den Nationalsozialismus gehört. Bestandteil der Lehrpläne wäre es an und für sich schon, aber manche Lehrer werden einfach nicht fertig mit dem Stoff. Ich habe gedacht, da ist wirklich eine Lücke, die geschlossen werden sollte, und habe angefangen, rumzufragen in der Familie, in der Stadt, bei Verwandten, bei Bekannten, und habe mehr oder weniger in den ersten acht Wochen überhaupt nichts herausgekriegt. Die einen waren zu jung, um irgendwas gesehen zu haben, die anderen waren zu alt, um sich erinnern zu können. Archive haben einen großen Teil der Materialien einfach für verloren oder nicht mehr vorhanden erklärt und einen anderen Teil für aus Datenschutzgründen gesperrt. Vor allem waren die Antworten in einem so ungewöhnlich aggressivem Ton gehalten, daß ich dachte: Irgendwas ist da ganz faul. Aber ich konnte mir noch nicht erklären, was so faul ist. Und als ich in die alten Tageszeitungen geschaut habe, war ich völlig von den Socken. Gerade damals hat man nämlich nicht verschwiegen, daß Adolf Hitler einen Teil seiner Kindheit in Passau verbracht hat, daß Heinrich Himmlers Vater Lehrer an meinem Gymnasium war, daß Julius Streicher in der Umgebung groß geworden ist, daß Ernst Kaltenbrunner in der Umgebung aufgewachsen ist. Das wurde damals mit Stolz betont. Und eine ganze Serie von heute ehrenwerten Bürgern, denen Straßen gewidmet sind, denen Verdienstkreuze verliehen wurden innerhalb der letzten Jahrzehnte, die immer wieder auf Empfänge geladen werden als Ehrengäste, daß sie eine ganz miese Vergangenheit hatten. Und daß sie ganz, ganz massive Nazis waren. Ich war so entsetzt, wie das überhaupt möglich war! Bekannte meiner Familie, gute Freunde meiner Familie waren unter den Tätern! Und ich konnte das nicht fassen! Das waren so nette Leute! Und jetzt war mir klar, warum die plötzlich ganz abweisend wurden, wenn es um die Frage "NS und Passau" ging. Weil sie da selber betroffen waren. Als mir klar wurde, wie da entweder extrem verdrängt wird oder wie da evident gelogen wird, da war ich wildentschlossen herauszufinden, was eigentlich sonst noch alles passiert ist.


ätzettera: Obwohl darin Leute verwickelt waren, die Ihnen auch nahegestanden haben?
Rosmus: Das hat mich nicht abgehalten, sondern gerade das hat mich wütend gemacht, weil ich so in der naiven Annahme großgeworden war, daß das anständige, nette Leute sind; daß das in Wirklichkeit ganz miese Menschen waren, zum Teil, die sich noch zu allem, was sie an Schuld auf sich geladen haben, auch noch nach dem Krieg Vergangenheit geschönt haben zu ihren Gunsten. Daß sie die Opfer nicht nur damals schrecklich behandelt, sondern nach dem Krieg auch noch verdrängt haben aus dem öffentlichen Bewußtsein, das fand ich als doppelt beschämend. Der ehemalige Chefredakteur vom Bistumsblatt, einer der wenigen Widerstandskämpfer im Klerus, so wurde er mir präsentiert, klarer Fall, gegen Hitler anmarschiert mit seiner Zeitung, verfolgt von den Nazis dafür - denk ich mir, mein Gott, schauste mal ins Bistumsblatt. Ich fiel von einem Schreck in den anderen. Was der Mann geschrieben hat, das war kein Widerstand, das war Antisemitismus pur. Da hat er geschrieben: Betet für Führer und Vaterland, was die Juden alles ausgefressen haben; da hat er geschrieben: Wir kämpfen für den Endsieg, denn dieser Sieg ist gottgewollt. Ich hab ihn angerufen, weil ich wirklich angenommen habe, das sei erpreßt oder die Unterschrift gefälscht worden. Und da hat der gute Mann mir ungeniert gesagt: "Ja mei, wir waren doch damals Katholiken, und na ja, die Juden, die haben wir einfach nicht mögen, also, des müssen’s schon verstehen, also, a Druck ist da net ausgeübt worden. Natürlich, wir waren halt Deutsche, klar, für uns war das einfach so, und außerdem haben wir Katholiken ja die Lehren" - und das stimmt tatsächlich - in unserem Katechismus, unserem Glaubensbuch, da stand tatsächlich 20 Jahre nach Auschwitz noch drin: Jede Obrigkeit ist gottgegeben, und deshalb muß man ihr gehorchen. 20 Jahre nach Auschwitz. Das wurde dann beim Zweiten Vatikanischen Konzil etwas anders formuliert, aber dieser bedingungslose Gehorsam gegenüber jeder Obrigkeit, das war für mich so etwas Unfaßbares. Wie ist das denn möglich, einfach Befehle auszuführen, wo Christen doch verpflichtet sind, nicht zu töten, nicht zu stehlen? Daß die Hunderte von Menschen massakrieren, einfach so, weil's Ausländer sind, weil' s Fremde waren? Wie ist das möglich? Und da bin ich dann drauf gekommen, daß der Katholizismus in der Umgebung eine wesentliche Rolle spielt, weil einer ganz oben befiehlt, und dann wird das einfach nach unten weitergegeben, und das Fußvolk hat einfach traditionell - religiös jetzt gesehen - nichts anderes zu tun als zu gehorchen. Daß das schon von der Religion her selbstverständlich geworden ist und daß das gleiche eigentlich verstärkt wurde vom politischen System, Und wenn vom Staat her über sehr sehr lange Zeit, über Jahrhunderte weg, wenn von der Kirche her immer das gleiche anerzogen wird, von Generation zu Generation: Gehorchen und Stillsein, nicht Rebellieren, wenn nicht Zivilcourage gelehrt wird oder gar ziviler Ungehorsam, dann ist es nicht mehr überraschend, wenn einer kommt und sagt: Führer befiehl, wir folgen.

ätzettera: Wie haben denn die Leute auf den zivilen Ungehorsam reagiert, den Sie dann an den Tag gelegt haben?
Rosmus: Ich habe in den letzten 13 Jahren erfahren, daß Widerspruch gegen Obrigkeit, daß ziviler Ungehorsam und sogar Zivilcourage als sehr unerwünscht, als Verrat mehr oder weniger am eigenen Volk, an der eigenen Kultur gesehen werden. In manchen Briefen, in manchen Anrufen, in manchen Interviews krieg ich das auch explizit gesagt: Ja, das mußt du doch verstehen, wenn du sowas machst, greifst du ja das eigene Volk an; du blamierst die eigene Kultur, du beschämst ja die Deustschen - was dann immer in dem Vorwurf der Nestbeschmutzung endet. Zivilcourage oder gar ziviler Ungehorsam sind keine Tugenden, die bei uns hochgeschätzt werden. Leider.


ätzettera: Verändert sowas nicht auch das Weltbild, das man hat?
Rosmus: Meines schon! Meines hat sich sehr stark verändert. Weil die ehemaligen guten Freunde der Familie meine Eltern ganz Klar vor die Alternative gestellt haben, entweder meine Arbeit zu stoppen oder das sei das Ende der Freundschaft. Für mich war's nicht ganz so schwer, mich zu entscheiden. Für mich war einfach klar: Mit den Leuten, wenn die sowas gemacht haben, mit denen möchte ich ohnehin nichts zu tun haben. Das hat aber zu einer kurzfristigen absoluten Isolation in der Stadt geführt, was schon schlimm war. Ich war absoluter Außenseiter und gehaßte Bewohnerin geworden. Ich war ein Risikofaktor.

ätzettera: Wie hält man so eine Isolation und Feindschaft aus?
Rosmus: Man gewöhnt sich daran, Enttäuschungen zu erleben. Die Distanz kommt von selber. Und dann hab ich überlebende getroffen. Mit denen konnte ich was anfangen, mit denen wollte ich den Kontakt weiter aufrechterhalten. Der Kontakt zu manchen dieser überlebenden wurde sehr, sehr eng, auch wenn die Generation eine ganz andere ist. Zu meinen allerengsten Freunden gehören zwei jüdische Emigranten, die jetzt um die 80 sind und in New York leben. Es sind gerade durch die Arbeit und nicht zuletzt durch die Probleme bei dieser Arbeit neue Bezugspersonen dazugekommen, neue Vertraute, neue Freunde entstanden. Die Art dieser Bekannten ist aber völlig anders als vorher. Vorher waren das fast ausschließlich Priester und Lehrer. Alle waren konservativ, alle waren zumindest CSU-Wähler, wenn nicht sogar Mitglieder, alle waren Katholiken, und jetzt sind es überwiegend Journalisten; jetzt gehören Vertreter von ganz unterschiedlichen Minderheiten dazu. Ich habe einen Mann kennengelernt, der war Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, der war homosexuell und Freimaurer und auch noch SPD-1er, also alles in einer Person zusammen, was für unsere Gesellschaft einfach einen Außenseiter ausmachte. Und der hat mich bekannt gemacht mit anderen Juden, mit anderen Homosexuellen, so daß es für mich innerhalb weniger Wochen und Monate ganz selbstverständlich war, daß ich für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen auf die Straße gehe. Vor ein paar Monaten kam ein Hilferuf aus Oregon, da sollen jetzt die homosexuellen Lehrer ausgesondert, aus dem Schuldienst entlassen, in Listen aufgenommen werden.

ätzettera: In Amerika, in einem Land, in dem Sie doch die "Heldin " schlechthin sind?!
Rosmus: Ja, und da haben sie mich eben angerufen, mich mit diesem Image, als Symbolfigur, als die Heldin für Zivilcourage! Ich soll mit diesen Betroffenen zusammen in einer Antidemonstration laufen, vorne, damit möglichst viele Kameras einfach auf mich reagieren, während die sonst einfach... mehr oder weniger nicht mehr darauf achten. Und so wurden die Gruppierungen, die sich an mich gewandt haben, immer mehr. Ja, du machst doch das für Juden, warum machst du eigentlich für uns nichts? Und da kommt dann manchmal so ein Quatsch daher: Irgendjemand streitet sich mit seinem Nachbarn über die Garage, die zwei Zentimeter übers Grundstück rübergeht, und ich soll doch mal ein Machtwort sprechen - das ist doch völliger Quatsch! Und dann auch der Anspruch der Leuten, wenn ich ihnen sage, ich kann mich nicht um sowas auch noch kümmern. Sie, da werden manche dann regelrecht aggressiv, und dann kommen schon Antworten wie: Ja, für die Scheißjuden setzen Sie sich seit Jahren ein, aber wenn einer von den deutschen Mitbürgern mal ein Problem hat, dann interessiert Sie das nicht.

ätzettera: Als was sehen Sie sich denn? Vielleicht als Prophetin im eigenen Lande oder... ?
Rosmus: Nein, eigentlich nicht. Ich sehe mich als Studentin, als Mutter zweier Kinder, das sind einfach Fakten. Ich sehe mich auch als eine, die versucht, auf Probleme von Minderheiten aufmerksam zu machen und Anteilnahme für diese Leute zu wecken. So gut es eben einer Privatperson möglich ist. Die Möglichkeiten sind nicht sehr gut, weil weder Institutionen hinter mir stehen, die das öffentlich verfechten würden, noch habe ich geldliche Mittel für Wiedergutmachung und ähnliches zur Verfügung. Ich habe keine politische Macht.

ätzettera: Woher bekommen Sie das Geld für die Veröffentlichung Ihrer Bücher, für die Reisen zu Archiven, zu Gesprächen, für das Recherchieren?
Rosmus: Das ist von Fall zu Fall nicht einfach. Das erste Buch habe ich - wie die anderen auch - in der Nacht geschrieben. Das heißt, wo andere Jugendliche in Discotheken gehen, ins Kino, habe ich eben am Schreibtisch gesessen. Und wenn meine Kinder heute am Abend im Bett sind, geh ich an den Schreibtisch zum Recherchieren. Freizeit und Urlaub sind komplett gestrichen. Und das erste Buch hat im wesentlichen mein Vater finanziert mit sehr vielen Kleinigkeiten, wenn ich zum Beispiel Kopien machen mußte, dann hat er die Kopien gemacht und übernommen. Wenn ich irgendwohin mußte - ich hatte bis vor wenigen Monaten noch kein Auto - dann hab ich einfach sein Auto genommen, um Interviews aufzunehmen. Zuschüsse gibt's nicht.

ätzettera: Das neue Buch "Wintergrün"...
Rosmus: Das ist schon raus. Ungekürzt und ungeschwärzt! Mit allen Namensnennungen, und das scheint sehr gut anzukommen.

ätzettera: Aber da gab es doch Prozesse um die Veröffentlichung des Buches.
Rosmus: In der ersten Instanz hat die Familie Clarenz Recht bekommen. Wir sind in der zweiten Instanz, weil das Gericht zum einen schwerwiegendes Beweismaterial völlig ignoriert hat, zum anderen ein falsches Protokoll von der Verhandlung aufgesetzt hat, und obwohl die Pflicht besteht, daß das Protokoll hinterher öffentlich vorgelesen und dann vom Angeklagten unterzeichnet wird, ist das nicht erfolgt. Und vom Inhalt her ist es ein so schwerwiegender Fall, daß ich das nicht einfach so hinnehmen möchte. Wenngleich das Urteil für mich kein Maulkorb ist, wie eventuell manche annehmen würden. Was ich gesagt habe und jemals sagen werde, ist davon nicht betroffen, aber damit der Eindruck nicht entsteht, ich hätte da irgendwas unsauber recherchiert öder ich hätte üble Nachrede begangen oder gar, ich wäre verurteilt worden, gehen wir in die Revision.

ätzettera: Sie bekommen doch sicher besonders jetzt, wo das Buch gerade raus ist, auch Drohbriefe und Drohanrufe. Beeindruckt Sie sowas?
Rosmus: Im allgemeinen wenig. Ich nehm's halt zur Kenntnis. Ich weiß, das ist so, und nachdem ein paar physische Attacken gegen mich auch tatsächlich stattgefunden haben im Lauf der letzten Jahre - ich wurde schon mal niedergeschlagen, es gab schon mal Attacken, wo ich halt mit Glück und Zufall irgendwie davongekommen bin, laß ich' s nicht so ganz liegen, als war's überhaupt nicht vorhanden. Es ist ständig in meinem Bewußtsein, daß ich vorsichtig sein muß, daß ich die Kinder eben nicht auf einen öffentlichen Spielplatz gehen lasse.

ätzettera: Ganz provokativ gefragt: Meinen Sie denn, daß das alles die Sache wirklich wert ist?
Rosmus: Absolut! Sonst würde ich ja nicht weitermachen! Das ist es absolut wert! Es ist vor allem bei uns unten (in Bayern, d. Red.) so, daß außer mir das eben keiner macht und außer mir auch keiner ähnliche Themen aufgreift. Wenn ich wüßte, es gibt ohnehin noch drei, vier, fünf oder mehr Leute, die statt meiner dranbleiben, dann hätte ich schon längst sehr guten Gewissens aufgegeben, weil's eigentlich eine hoffnungslose überforderung ist, für eine alleinerziehende Mutter. Ich mach gerade Examen, also, die Situation ist sicher mehrais kritisch. Aber ich hätte ein schlechtes Gewissen, ich würde mich ganz miesfühlen, wenn ich, die ich die Situation kenne, aus Feigheit, aus Bequemlichkeit aufgeben würde und diese betroffenen Minderheiten, diese überlebenden vor allem, allein lassen würde mit ihren Problemen. Für mich war der Anfang die überlebenden vom Dritten Reich. Was heute absolut gelöst werden muß und wo keiner rangeht, da versuch ich einfach zu helfen, so weit es geht. Ich kann keine Asyl-Gesetzgebung ändern, ich kann die Probleme dieser Leute nicht eigentlich lösen, aber daß ich einfach in der Freizeit immer wieder mal dahin gehe, daß ich versuche zu vermitteln, das ist das Mindeste, was ich tun muß, weil ich's irgendwie eben doch tun kann.

Das Gespräch führten Barbara Oslejsek
und Ute Mackenberg


(aus: ätzettera Nr.11/November 1993)