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Judith Holofernes, geboren 1976 in Berlin, aufgewachsen in Freiburg, nach dem Abitur sechs Wochen auf der Liverpool Institute for Performing Arts (LIPA), lebt seit zwei Jahren wieder in Berlin, studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommu-nikation an der HdK, übersetzt französische Comics (Miguelanxo Prado und Mazan) Auftritte: u.a. CD-Release-Concert im Schlot und bei der »Fête de la Musique« 1999
CD: »Kamikazefliege«, erhältlich bei Modern Graphics (Oranienstraße 22 in Kreuzberg) und bei Silver Disc (Wrangelstraße 84)Seit ich denken kann, hab ich Popstars verehrt/ doch mir scheint, irgend-wie verehre ich verkehrt,/ ich glaub', die anderen Mädchen verehr'n irgendwie anders./ ich weiß nicht, was es ist./ Der Saal wird still, die Lichter gehen aus/ und ich weiß, es ist soweit, gleich kommst du raus,/ und dein Spot geht an/ und ich fang zu Schwitzen an,/ wie die andern, die andern,/ glotz ich dich an./ Und mein Herz klopft und es gibt mir einen Stich,/ doch ich weiß nicht, klopft und sticht es nur für dich,/ oder bin viel-leicht ich ganz be-klopft,/ habe ich denn vielleicht auch den Stich,/ denn ich will dich,/ ich will ich,/ ich will mich da oben sehn.// Popstar ha-ha-har, eins läßt mich noch nicht schlafen, eins läßt mir keine Ruh:/ Popstar ha-ha-har, will ich dich lieber ficken, oder wär ich lieber du?/ Popstar ha-ha-har, will ich richtig gut träumen, mach ich deine Augen zu. (Popstar) |
»Ich kann doch so viele Strophen vergessen, wie ich will!« Judith Holofernes über Popstartum, Künstlerdasein und ihre erste CD Seit zwei Jahren steht sie mit ihren eigenen Liedern auf Berliner Bühnen, und die Presse widmet ihr große Artikel. Singen tut sie aber schon seit mehr als acht Jahren, aber zuerst die Lieder anderer, z.B. David Bowie. Judith Holofernes: Ich hab Straßenmusik gemacht mit 14. In Freiburg ist das Kunst, in Berlin ist das knapp über Betteln. Aber in Freiburg hat das richtig Spaß gemacht, in lauen Sommernächten und mit lauter Teenagerjungs um einen rum. Ich glaub, da ist dieser Popstartraum geboren. Ich hab in verschiedenen Bands gesungen, Lokalgrößen in Freiburg. Bin im Gefängnis aufgetreten, so um Weihnachten im Männerknast. ![]() ätzettera: Wie kommst du an deine Auftritte ran? Gehst du rum und sagst: Kann ich bei ihnen singen? Oder kommen schon welche auf dich zu? Judith Holofernes: Zum Teil, wobei ich da nicht alles annehme, weil ich lieber wenig auftrete und dafür aber gut vorbereitet und mit viel Spaß. Viele Leute haben versucht, mir einzureden, man müsste immer ständig überall präsent sein. Das ist überhaupt nicht wahr. Man kann alle drei Monate auftreten, die Leute wissen ja nicht, daß man zwischendurch nicht aufgetreten ist. ätzettera: Du bist ja jetzt der Popstar, der du immer sein wolltest. Gibt's schon Fans? Judith Holofernes: Es fängt an, daß ich Leute auf Konzerten wiedersehe, die ich nicht kenne. Bei meinem letzten Konzert saßen irgendwelche Leute halb auf der Bühne und haben mitgesungen, das hat mich schon sehr irritiert. Ich merke auf diesem kleinen Level von Popstartum, was das für Probleme bringt. Wenn ich neue Lieder schreibe, fühle ich unheimlich viele Augen auf mich gerichtet, die finden, daß die aber nicht so gut sind wie die ersten, und irgendwie ganz anders, und nicht so witzig, oder nicht mehr so nachdenklich. Letztes Konzert war das so, daß da Leute zu mir kamen und meinten: »Na, diesmal haste aber 'ne Strophe vergessen.« Wo ich dann denke, ich kann doch so viele Strophen vergessen, wie ich will! (lacht) ätzettera: Gibt's eine Charakterisierung deines Publikums? Judith Holofernes: Das ist ein ganz tolles, sehr gemischtes Publikum. Das ist mein nächstes Popstar-Miniziel: Genau mein Publikum zu finden, zu halten und zu vergrößern. Ich hab' das Gefühl, daß ich da einen ganzen Schritt weitergekommen bin. Aber bevor sie auftreten kann, muss sie erst einmal die Lieder schreiben. Geschrieben hat sie, ebenso wie gesungen, schon früher. Zunächst auf englisch, bis sie merkte, daß man auch schöne deutschsprachige Musik machen kann. Und daß es gewisse Spielereien gibt, die man – wie gut man eine Fremdsprache auch beherrscht – nur in der eigenen Sprache herstellen kann. Allerdings, gibt sie zu, arbeite sie sehr langsam. Judith Holofernes: Ja, wobei ich jetzt gerade versuche, ein bisschen mehr Technik reinzubringen. Da ist unheimlich viel Zensur dabei, deshalb bin ich so langsam, weil ich ganz viele Ideen irgendwo hinstecke, bevor sie überhaupt geboren werden. Wo ich meine: Das hab ich schon und jetzt muß ich wieder mal was lustiges schreiben, was Blödsinn ist. Ich habe mir jetzt vorgenommen, alles zu schreiben, was da ist. Dann kann ich danach immer noch sortieren. ätzettera: Einige Sachen von dir sind eher Liebeslieder und nachdenklich. Andere sind ironisch und bissig. Was fällt dir leichter? Judith Holofernes: Es fällt mir am leichtesten, wenn ich genau das schreibe, was gerade da ist. Zum Beispiel bei dem letzten Lied, das ich geschrieben hab: das hab' ich lyrisch angefangen, mit vielen Bildern und dann dachte ich die ganze Zeit: das ist totaler Bullshit. Es war zu allgemein. Dann werd ich ganz konkret, und dadurch wird es dann lustig, weil das 'n Kontrast gibt... Am liebsten mache ich diese Gratwanderung zwischen Poesie und Komik. Ich mag unheimlich gerne Sachen, die auch kippen. ätzettera: Das merkt man vielen deiner Lieder an. Wie fängt das an, wenn du ein Lied schreibst? Judith Holofernes: Zum Teil sind einfach zwei Zeilen da, von denen ich noch gar nicht genau weiß, was sie überhaupt sollen, die ich aber schön finde, oder lustig. Dann kommen die komischen Satzfetzen zusammen, dann denke ich, eigentlich ist das das gleiche Thema, und dann rühr ich da ein bisschen drin rum, und dann ist es plötzlich ein Lied. Manchmal setz ich mich aber auch hin und denke: Jetzt will ich mal wieder was schreiben. Dann kuck ich: Was sind meine Themen? Worüber rede ich zur Zeit? Worüber lach' ich? Was ärgert mich? ätzettera: Das klingt, als würdest du sehr vom Texten herkommen. Wo kommen die Melodien her? Judith Holofernes: Oft ist es so, dass diese zwei Textzeilen schon eine Melodie haben, also dass die Melodie und der Text parallel entstehen. Ich hab auch immer gehört, dass das die beste Methode ist, aber im Moment bin ich gar nicht mehr so überzeugt davon, weil ich immer mehr merke, wie sehr ich vom Schreiben komme, dass ich mich im Moment eher als Textdichterin wahrnehme. ätzettera: Deine Melodien sind ja sehr ohrwurmmäßig... Judith Holofernes: Ja, ich glaub auch, dass ich ein Ohr für Melodien hab, aber ich bin unheimlich beschränkt, was Arrangements angeht. Ich bin eigentlich keine Gitarristin, ich kann gut bluffen. Ich würde deswegen gerne Leute finden, mit denen ich das zusammen machen kann, damit das für mich noch interessanter wird. Die Musik, die ich eigentlich mag, kann ich selber nicht schreiben. ätzettera: Du hattest mal Musiker gesucht, per Anzeige. Judith Holofernes: Ogottogott ja. Das war nicht so der Knüller. (lacht). Das waren Leute, die eben nicht vom Text kamen, sondern eindeutig Musiker waren. Und das ist schwierig, da bin ich zu sehr Dichterherzchen, als dass ich zulassen könnte, dass Leute, die nicht so viel mit Texten am Hut haben, dran rumpfuschen. Meine Texte haben eine ganz eigene Rhythmik und jedes Wort hat seinen Sinn. Wenn dann jemand vorschlägt: »Nimm doch einfach statt dem Wort ein anderes, das bedeutet doch fast das Gleiche«, merke ich, dass die Leute nicht verstanden haben, worum's in dem Lied geht. Wenn ich da Kooperationen eingehe, dann sollte das komplexere Musik werden, schon eher Pop, aber vielschichtiger und abwechslungsreicher. ätzettera: Trittst du mit deinen Liedern gleich auf? Oder probierst du die vorher an Freunden aus? Judith Holofernes: Ja, klar. Meistens an den Leuten, die's angeht. Ich probier das an Freunden, an meiner Mutter, an mir selbst, was unheimlich frustrierend sein kann. Manche Lieder trage ich Monate mir mir rum, und am Schluss weiß ich überhaupt nicht mehr, ob das totale Scheiße ist und ob man das in den Mülleimer werfen sollte. Dann ist es gut, wenn ich einfach damit auftrete. Ich bin unheimlich perfektionistisch und deswegen auch so langsam. Ich gebe auch selten Lieder raus, wo ich nicht das Gefühl hab, dass sie nicht total rund sind und fertig. Deswegen verändere ich dann wahnsinnig wenig, weil ich das im Vorfeld schon alles gemacht hab. ätzettera: Auf der CD »Kamikazefliege« hört man ja nicht nur deine Stimme und eine Gitarre. War das ein Reiz, auch zu experimentieren, dass es anders klingt als im Konzert? Judith Holofernes: Ja, das hat total Spaß gemacht. Ich denke auch immer: Wie wäre das mit weiterer Begleitung, auch live, vielleicht nicht mit 'ner Band. Es müssten aber eindeutig Begleitmusiker sein, die nicht stundenlang Soli spielen wollen. Das ist schwierig, solche Leute zu finden, deswegen hat es auf der CD unheimlich Spaß gemacht, das auszuprobieren, und irgendwelchen Spökes zu machen. ätzettera: Und wann kommt die nächste CD raus? Judith Holofernes: Keine Ahnung. Kann sein, dass da dann 'ne Firma involviert ist. Es ist aber so, daß ich da auch sehr skeptisch bin, und gar nicht weiß, was ich will. Ich muss auf jeden Fall aufpassen, dass ich nicht in gleichem Maße mein eigener Manager bin wie Künstler. Das schlägt sich gegenseitig absolut tot. Insofern würde ich mir da schon gerne von jemandem helfen lassen. Was allerdings auch neue Risiken und neue Zwänge mit sich bringt. Es gibt Leute, die dir dann unheimlich viel sagen wollen: allein schon, wie oft du auftreten musst. Und wenn ich zu oft mit meinen eigenen Liedern auftrete, dann werden die mir langweilig und ich kann auf der Mitte anfangen, Fußball zu kucken. ätzettera: Wir haben als Thema diesmal »Lebenskunst«. Würdest du sagen, daß du eine gewisse Lebenskunst für dich entdeckt hast oder die Art, leicht oder glücklich durchs Leben zu kommen? Judith Holofernes: Ich suche. Ich weiß nicht, ob ich's schon gefunden hab, aber im Prinzip ist das schon ein Ziel, das Ganze zu 'ner Lebenskunst zu machen, indem ich einfach genau das mache, was ich machen will, und dabei kucke, ob da 'n Leben bei rauskommt. Ich bin schon Künstlerin. Im Moment experimentiere ich mit meinem Selbstbild als Dichterin, was mich aber auch nervt. Weil ich manchmal das Gefühl hab, dass ich diese Gedichte benutze als Abgrenzung gegen mein Studium, das mir nicht besonders gut gefällt. Um zu sagen: Das ist nicht meins. Meins ist jetzt die Kunst. Das ist aber auch schwierig, sobald man sich als Künstler oder Dichter definiert, denkt man: Naja, hab ich das eigentlich verdient? Müsste ich da nicht ein bisschen mehr schreiben? Müsste ich da nicht ein bisschen besser sein? Müsste ich da nicht ein bisschen ausschließlicher, ein bisschen monomaner Künstler sein? Aber im Prinzip würde ich mich schon als Dichterin bezeichnen, mehr als alles andere. Und als Sängerin. Das Gespräch führten Thilo Bock und Michael-Andre Werner (aus: ätzettera Nr.28/Oktober 1999) |